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Die Premiere ist geschafft – und ich auch!

24/7/2016

Nun ist sie also vorbei, die ersehnte und gleichzeitig gefürchtete Premiere. Und sie war in vielen Bereichen so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe…

 

Den Einstieg „mit Publikum“ mussten wir natürlich im Vorfeld immer ohne Publikum proben. Dem entsprechend kam ich mir immer etwas doof vor, wenn ich mit imaginären Gästen plauderte und imaginäre Getränke anbot. Wie toll ist es aber jetzt an der Premiere, endlich echte Gesprächspartner zu haben, echte Getränke ausschenken zu können und die verwundert-belustigten Blicke zu ernten, wenn ich nachhaltig aufs „Guiche-Sponsoring“ hinweise. Die Leute sind gelöster Stimmung und offen für das, was da kommen soll. Und ich fühle nur noch eines: Die Schmetterlinge der Nervosität, der Aufregung und der Vorfreude im Bauch! 

 

Dann geht’s los! Die ersten Sätze, die ersten Szenen, die ersten Auftritte; und wenn man der Presse Glauben schenken darf - was ich diesmal natürlich nur allzu gerne tue! - dann hat unser Stück wirklich überzeugt, berührt und begeistert! Mich hat es das schon seit langem, und ich bin froh um jede Szene, die ich in den Proben ganz bewusst genossen habe. Diese schönen Zeiten sind nämlich leider vorbei. Statt zuzuschauen richte ich jetzt während des ersten Teils den Getränkestand ein, höre wehmütig mit einem Ohr hin, wenn Fetzen meiner unzähligen Lieblingsszenen zu mir herüber klingen, bringe die am Apéro gebrauchten Gläser, Karaffen und Flaschen in die Postremise zurück, putze die Tische, stelle für die Pause frische Gläser und Snacks bereit und schleppe Körbe voller Fläschli und Gütterli in den Park. In der Pause bediene ich dann voller Freude unser Publikum, das sich trotz leichtem Regen zu einem grossen Teil draussen aufhält.

 

So weit, so gut. 

Aber dann mache ich diesen einen, fatalen Fehler: 

Pflichtbewusst beginne ich, den Getränkestand wieder abzuräumen… 

Und ganz plötzlich realisiere ich, dass ich dazu eigentlich gar keine Zeit habe, weil ich ja noch einen zweiten Auftritt habe, für den ich mich auch noch umziehen muss! Himmel und Hölle!!! Jetzt aber schnell! Ich eile durch die Postremise Richtung Garderobe… Aber was ist das??? Da stehen die zwei Stühle des letzten Akts von Roxane und Cyrano!!! Warum sind die nicht im Park, wo sie sein sollten??? Ach ja, wir haben sie wegen der Witterung noch nicht hingestellt; und jetzt hat niemand mehr dran gedacht. Ich bin ganz alleine und fackle nicht lange. Im Laufschritt, so schnell es eben mit diesen sperrigen Stühlen überhaupt möglich ist, bringe ich sie an ihren Bestimmungsort neben dem Lichtturm. Ich muss zwei Mal laufen mit den schweren Dingern und gerate dabei immer mehr ins Schwitzen. Dann keuche ich hoch in die Garderobe, suche vergeblich meine schwarzen Leggins, ziehe die Nonnenkleidung über und richte den Schleier. Mein Blick fällt in den Spiegel – und ich sehe, was ich schon lange spürte und fürchtete: ein tomatenrotes, erschöpftes Gesicht, das glänzt wie die fettigste Speckschwarte des Universums! Damit soll ich den ruhenden Pol der Mutter Oberin darstellen??? Mir läuft es trotz der Hitze kalt den Rücken runter. Aber lange überlegen liegt nicht drin. Ich hole mir meine Puderdose aus meiner Handtasche (die natürlich im unteren Stock liegt), suche dann oben in der Garderobe hektisch nochmals erfolglos meine Leggins, die ich nach der Generalprobe bereitgelegt habe (und die nach der Vorstellung unter der Kleidung eines Ensemblemitglieds auftaucht), entscheide mich dann aus Zeitgründen ohne Beinkleider unter der Robe loszulaufen, und während ich die Strasse hinter der Mauer, vor welcher gerade der Krieg tobt, gebückt und auf Zehenspitzen entlang hetze, versuche ich im Laufschritt mein Gesicht zu pudern, damit es zumindest nicht glänzt. Gegen die rote Farbe bin ich leider machtlos. Die letzte Szene des Kriegs geht zu Ende, Roxane und der Kapuziner kommen durchs Törchen, ich schmeisse meine Puderdose auf die Mauer (wo sie noch immer liegt), das Licht geht an und ich muss auftreten. 

Statt souverän, in mir ruhend und erhaben, wie es die Rolle verlangt, fühle ich mich abgekämpft, überhitzt und unwohl. Ich versuche das zu überspielen, wobei mir Regisseur Julians Worte, dass meine innere Haltung sichtbar sein muss und dass wir uns immer in Ruhe und gut auf unsere Auftritte einstellen sollen, im Kopf hämmern. Das ist dann heute wohl ganz und gar nicht der Fall…!!! Die Scheinwerfer blenden mich, ich sehe rein gar nichts - und irgendwie bin ich froh darüber. So muss ich mir nicht ansehen, wie das Publikum vielleicht ob meiner hilflosen „Performance“ die Augen rollt. Ich bin jedenfalls nur noch erleichtert, als ich die Bühne verlassen und wie ein geschlagener Hund ins Dunkel des Stadtparks abtauchen kann.

Den Schlussapplaus nehme ich wie durch eine Wolke wahr. Geniessen kann ich ihn nicht. Ich bin enttäuscht von mir selber, frustriert und beschämt. So habe ich mir die Premiere nicht vorgestellt. Meine Rolle ist zwar winzig, aber ich wollte doch ein Teil vom grossen Ganzen sein und mein Bestes dazu beitragen. Dabei habe ich mir durch mein Pflichtbewusstsein und meine Hilfsbereitschaft selber ein Bein gestellt. Obwohl ich die vielen positiven Reaktionen akustisch höre, erreichen sie mich irgendwie nicht. Ich fühle mich von den Komplimenten schlichtweg nicht betroffen, bin traurig und enttäuscht, was ich aber wiederum zu überspielen versuche. Ich will in dieser euphorischen Stimmung niemanden mit meinem persönlichen Frust belasten. Aber ichziehe meine Lehre aus der Premiere und werde dafür sorgen, dass ich mich nächstes Mal mitfreuen kann. 

HU!!! ☺

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